In welchen Dimensionen und mit welchen konkreten Ansätzen kann die Gesundheitsversorgung der Zukunft gestaltet werden? Welche Rolle spielen dabei regionale Vernetzung, integrierte Versorgung und die aktive Beteiligung aller Akteure? Thomas Reumann, mit seiner Expertise als ehemaliger Landrat des Landkreises Reutlingen und als langjähriges Mitglied in führenden Positionen des deutschen Gesundheitswesens, geht in diesem Interview ausführlich auf diese Fragen ein.


Vision und Herangehensweise

Herr Reumann, wie muss die Gesundheitsversorgung der Zukunft aussehen?

Thomas Reumann: Wir brauchen eine Gesundheitsversorgung aus einem Guss. Das sind aus meiner Sicht im Wesentlichen vier Bausteine. Erstens eine integrierte Versorgungsplanung über die unterschiedlichen Sektoren, also stationär und ambulant, aber auch Pflege und Rehabilitation. Zweitens eine vernetzte Versorgung durch Bildung lokaler Präventions- und Versorgungsnetzwerke. Das sind zum Beispiel lokale Gesundheitszentren, die aber vernetzt sind mit anderen sektorenübergreifenden Versorgungsangeboten, auch durch E-Health und Telematik. Denn wenn ich vom Patienten her denke, der ja überall, egal wo er wohnt, die bestmögliche Versorgung haben will, dann wird es ohne diese bessere Vernetzung der Angebote oder eHealth-Anwendungen nicht gehen. Drittens die sektorenübergreifende Finanzierung und der Abgleich der Vergütungssystematik Stichwort Regionalbudget- und viertens eine einheitliche Qualitätssicherung.  Davon sind wir immer noch meilenweit entfernt.

Entscheidend aber ist: wir brauchen ein gemeinsames Verständnis, dass Gesundheitsversorgung Daseinsvorsorge ist, staatliche Daseinsvorsorge, auch kommunale Daseinsvorsorge ist. Das heißt, auch die Kommunen müssen sich einbringen – müssen sich einbringen wollen, aber auch dürfen.

Dieses Grundverständnis ist nicht neu, das gibt es ja bereits seit der “Declaration of Alma-Ata“ der Weltgesundheitsorganisation von 1978 die auch von der Bundesrepublik verabschiedet worden, aber nicht konsequent umgesetzt worden ist. Dort sind die Punkte bereits benannt, die dann der Sachverständigenrat der Bundesregierung immer wieder seit zehn Jahren anmahnt: Koordination, Integration und Vernetzung der Gesundheitsversorgung sowie die Stärkung der Primärversorgung. Im Kern geht es also um eine dezentralisierte und regionalisierte Gesundheitsversorgung.

Porträtfoto von Thomas Reumann
Thomas Reumann

Wie könnte man sich einer solchen Gesundheitsversorgung nähern?

Thomas Reumann: Ich muss zeigen, dass es funktioniert. Ein weiteres Gutachten brauchen wir nicht. Es hilft auch keine weitere Aussage des Sachverständigenrats, die irgendwo im Bücherregal oder in der Cloud verschwindet. Wir haben doch kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem. Wenn es richtig ist, dass wir die Themen Integration und Koordination vorantreiben müssen, dann sollten wir die vorhandenen Beispiele und Projekte, die es gibt zur Kenntnis nehmen, evaluieren und schauen: Was können wir denn aus diesen Best Practice Beispielen tatsächlich lernen? Es gibt dort Beispiele, die sind erfolgreich, die auch belegen „Ja, es funktioniert“.

Praxisbeispiel: PORT-Gesundheitszentrum

Können Sie uns ein solches Beispiel nennen?

Thomas Reumann: Ich denke natürlich bei uns im Landkreis Reutlingen an das PORT-Gesundheitszentrum. Dort ist genau das umgesetzt worden, was der Sachverständigenrat auch eingefordert hat, nämlich ein lokales Gesundheitszentrum, multiprofessionell, interprofessionell auf Augenhöhe. Wir haben eine Einbindung der Bürger vor Ort, wir haben eine Vernetzung mit anderen Sektoren und mit den vorhandenen Versorgungsangeboten in der Region. Übrigens bis zu den Vereinen, Beratungsstellen und wir haben eine Gesundheitslotsin und zwei Community Health Nurses vor Ort. Wir haben natürlich E-Health und Telemedizin eingesetzt. Ein Beispiel: Sie können jetzt auf der Schwäbischen Alb in dieses Gesundheitszentrum gehen mit einem Hautproblem. Via Telemedizin kann der sie behandelnde Arzt bei Bedarf dann vor Ort eine Beurteilung der Hautklinik der Uni Tübingen einholen.  Die sagt Ihnen dann „Kommen Sie“ oder „Sie müssen nicht kommen; es kann so und so behandelt werden.“ Das ist Versorgung vom Menschen her gedacht.

Was war der Ausgangspunkt für das Gesundheitszentrum?

Thomas Reumann: Wir haben vor nunmehr 13 Jahren mit der Kommunalen Gesundheitskonferenz im Landkreis Reutlingen angefangen. Das war die erste in Baden-Württemberg. In der Zwischenzeit steht es im Gesetz, dass jeder Landkreis eine haben muss. Dort ist dieses Gesundheitszentrum entwickelt worden.  Am Anfang waren KV, waren Kreisärzteschaft, die Bezirksärztekammer, die Kassen, sehr, sehr skeptisch und alle haben gemeint, es klappt sowieso nicht.  Jetzt läuft es und es ist ein Erfolgsmodell!  Wir sind auf dem Weg hin zu einem Primärversorgungverbund im Landkreis Reutlingen, und prüfen, ob ein Regionalbudget möglich ist, wofür wir die Grundlagen mit der TU Berlin, Prof. Busse und mit der AOK erarbeitet haben.

Schlüsselrolle motivierter Akteure

Was ist für die Umsetzung solcher Versorgungsmodelle wichtig?

Thomas Reumann: Sie brauchen eine verbindliche Struktur mit Einbindung aller Beteiligter. Wenn wir auf der kommunalen Ebene beginnen, dann war bei uns die kommunale Gesundheitskonferenz mit Sicherheit die entscheidende Erfolgsgrundlage. Sie brauchen dazu eine Geschäftsstelle. Ich habe die Erfahrung gemacht: Wir müssen den einzigen Spieler, der dem Gemeinwohl verpflichtet ist und keine interessengeleiteten Karten im Spiel hat, viel mehr stärken, nämlich den öffentlichen Gesundheitsdienst.  Wir haben alle Beteiligten, die im Landkreis für eine Gesundheitsversorgung auch im weitesten Sinne verantwortlich sind, mit an den Tisch geholt – bis hin zu Volkshochschulen, selbstverständlich die Bürgermeister, natürlich die Universitätskliniken, die Kliniken, die niedergelassenen Ärzte, die KV, die Kassen Selbsthilfegruppen und Bürgerinitiativen. Diese Breite war mit Sicherheit ein entscheidender Punkt.

Und Sie brauchen eine saubere Datenanalyse, um den Bedarf vor Ort abzubilden. Es bringt nichts, wenn ich sage „Was hat der Sachverständigenrat gesagt? Es wäre ja toll, wenn wir darüber diskutieren!“, sondern wir brauchen eine datengestützte, faktenbasierte Kenntnis als Grundlage der Planung, die wir vorantreiben. Das war bei uns vor 13 Jahren natürlich noch sehr eingeschränkt. Wir haben die Daten des Gesundheitsamtes genommen über Chronische Erkrankungen. Wir haben die Erkenntnisse der Kassen über Langzeiterkrankungen bekommen. Und wir haben festgestellt, dass im Landkreis Reutlingen die Welt nicht völlig anders, aber die Ausgangslage doch ein bisschen anders aussieht als in anderen Bereichen der Bundesrepublik.

Welche Rolle spielen motivierte Einzelpersonen bei der Umsetzung der Versorgungsmodelle?

Thomas Reumann: Das ist entscheidend. Wenn Sie Beteiligte haben, egal ob Bürgermeister, Landräte, Minister, KV-Vorsitzende oder wen auch immer, die ins Gesetz schauen und sagen „nur das gilt“, kommen wir nicht weiter. Die kommunale Gesundheitskonferenz stand auch in keinem Gesetz.  Wir brauchen eine neue Kultur der Gesundheitsversorgung, die die Gesundheitsversorgung vom Menschen her denkt. Egal in welchem Bereich: Ich brauche Anpacker, ich brauche Mitmacher, ich brauche Begleiter und begeisternde Menschen, die erkennen, welche Antworten auf eine Gesellschaft des langen Lebens -endlich- gegeben werden müssen und dass unser Gesundheitssystem in dieser Form langfristig auch nicht mehr finanzierbar sein wird. Wir brauchen nicht mehr Geld im System, wie ein Blick in andere Länder zeigt, das ist nicht das Kernthema. Sondern die Frage ist: Wie kann ich die Strukturen und die Vernetzung hinbringen? Genau deshalb plädiere ich sehr dafür, endlich die Primärversorgung, die Prävention und die Gesundheitsförderung zu stärken, wie es die Weltgesundheitsorganisation schon 1978 dargestellt hat.


Zur Person: Thomas Reumann war von 2005 bis 2021 Landrat des Landkreises Reutlingen. Von 2009 bis 2014 war er zugleich Vorsitzender der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft und von 2015 bis 2017 Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) sowie Mitglied im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA).

Hinweis: Die in dieser Interviewreihe geäußerten Meinungen und Positionen der Expertinnen und Experten entsprechen nicht zwangsläufig denen der Bertelsmann Stiftung. Zum einen möchten wir mit den Interviews einen breiten Dialog eröffnen. Zum anderen sollen die unterschiedlichen Expertenmeinungen ein tieferes Verständnis für die vielfältigen Perspektiven und Herausforderungen erzeugen, die eine Transformation des Gesundheitssystems mit sich bringt.